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Faust

Ein musikalisches Traumspiel

von

Jürgen R. Weber

 

Nach Goethes „FAUST“

 

Nr. 0                                                                                                   Giuseppe Verdi

 

GRETCHEN (Anna Maria Wünsche)

Deh, pietoso, oh Addolorata,

China il guardo al mio dolore;

Tu, una spada fitta in core,

Volgi gl’occhi desolata

Al morente tuo figliuol.

Quelle occhiate,

i sospir vanno

Lassù al padre e son preghiera

Che il suo tempri ed il tuo affanno.

Come a me squarcin le viscere  

Gl’insoffribili miei guai

E dell’ansio petto i palpiti

Chi comprendere può mai?

Di che trema il cor? Che vuol?

Ah! tu sola il sai, tu sol!

Sempre, ovunque il passo io giro,

Qual martiro, qual martiro

Qui nel sen porto con me!

Solitaria appena, oh, quanto  

Verso allora, oh, quanto pianto

E di dentro scoppia il cor.

Sul vasel del finestrino  

La mia la crima scendea

Quando all’alba del mattino

Questi fior per te cogliea,

Chè del sole il primo raggio

La mia stanza rischiarava

E dal letto mi cacciava

Agitandomi il dolor.

Ah, per te dal disonore,

Dalla morte io sia salvata.

Deh, pietoso al mio dololre

China il guardo, oh Addolorata!

 

(Ach neige,

Du Schmerzenreiche,

Dein Antlitz gnädig meiner Not!

 

Das Schwert im Herzen,

Mit tausend Schmerzen

Blickst auf zu deines Sohnes Tod.

 

Zum Vater blickst du,

Und Seufzer schickst du

Hinauf um sein‘ und deine Not.

 

Wer fühlet,

Wie wühlet

Der Schmerz mir im Gebein?

Was mein armes Herz hier banget,

Was es zittert, was verlanget,

Weißt nur du, nur du allein!

 

Wohin ich immer gehe

Wie weh, wie weh, wie wehe

Wird mir im Busen hier!

Ich bin, ach! kaum alleine,

Ich wein, ich wein, ich weine,

Das Herz zerbricht in mir.

 

Die Scherben vor meinem Fenster

Betaut ich mit Tränen, ach!

Als ich am frühen Morgen

Dir diese Blumen brach.

 

Schien hell in meine Kammer

Die Sonne früh herauf,

Saß ich in allem Jammer

In meinem Bett schon auf.

 

Hilf! rette mich von Schmach und Tod!

Ach neige,

Du Schmerzenreiche,

Dein Antlitz gnädig meiner Not!)

 

 

 


 

Nr. 1                                                                                       Robert Schumann

 

 

ERSTE (Tanja Renz)

Ich heiße der Mangel.

 

ZWEITE (Annemarie Wolf)

Ich heiße die Schuld.

 

DRITTE (Anna Maria Wünsche)

Ich heiße die Sorge.

 

VIERTE (Natalija Valentin)

Ich heiße die Not.

 

ZU DREI

Die Tür ist verschlossen,

wir können nicht ein;

Drin wohnet ein Reicher

Wir mögen nicht’ nein…

 

MANGEL

Da wird ich zum Schatten.

Schuld

Da wird’ ich zunicht’.

 

NOT (Natalija Valentin)

Man wendet von mir das verwöhnte Gesicht.

 

SORGE (Anna Maria Wünsche)

Ihr Schwestern, ihr könnt nicht

Und dürft nicht hinein;

Die Sorge, sie schleicht sich durch’s Schlüsselloch ein.

 

MANGEL ( Tanja Renz)

Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier!

 

SCHULD (Annemarie Wolf)

Ganz nah zur Seite verbind’ ich mich dir.

 

NOT (Natalija Valentin)

Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.

 

ZU DREI

Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!

Dahinten, dahinten, von ferne, von ferne,

da kommt er der Bruder, da kommt er der …Tod.

 

 

*          *          *

FAUST (Erwan Tacher)

Vier sah ich kommen, drei nur gehen;

Den Sinn der Rede konnt ich nicht verstehn.

Es klang so nach, als hieß es – Not, Ein düstres Reimwort folgte – Tod.

Es tönte hohl gespensterhaft gedämpft, Noch hab ich mich ins Freie nicht gekämpft.

Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen

Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,

Stünd ich, Natur vor dir ein Mann allein,

Da wär’s der Mühe wert ein Mensch zu sein.

Das war ich sonst, eh ich’s im Düstern suchte,

Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte

 

FAUST 
 (Ko Hyunsik​)

So fluch ich allem, was die Seele
Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,

Und sie in diese Trauerhöhle
Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!

Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben! Fluch jener höchsten Liebeshuld!

Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben, Und Fluch vor allen der Geduld!

 

*          *          *

Nr. 2                                                                                       Anton Radziwiłł

CHOR DER GEISTER (Alle)

Weh! weh!

Du hast sie zerstört

Die schöne Welt,

Mit mächtiger Faust;

Sie stürzt, sie zerfällt!

Ein Halbgott hat sie zerschlagen!

Wir tragen

Die Trümmer ins Nichts hinüber,

Und klagen

Über die verlorne Schöne.

Mächtiger

Der Erdensöhne,

Prächtiger

Baue sie wieder,

In deinem Busen baue sie auf!

Neuen Lebenslauf

Beginne,

Mit hellem Sinne,

Und neue Lieder

Tönen darauf!

 

*          *          *


 

FAUST (Ko Hyunsik)​
Wie nennst du dich?

MEPHISTOPHELES
 (Caspar Krieger) Die Frage scheint mir klein

FAUST (Ko Hyunsik​) Nun gut, wer bist du denn?

MEPHISTOPHELES
 (Caspar Krieger)

Der Herr der Ratten und der Mäuse,

Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse

Vor allem aber der Ratten!

 

*          *          *

Nr. 3                                                                                       Richard Wagner

 

MEPHISTOPHELES
 (Caspar Krieger)

Es war eine Ratt im Kellernest,

Lebte nur von Fett und Butter,

Hatte sich ein Ränzlein angemäst’t,

Als wie der Doktor Luther.

Die Köchin hatt ihr Gift gestellt;

Da ward’s so eng ihr in der Welt,

Als hätte sie Lieb im Leibe.

 

CHORUS

Als hätte sie Lieb im Leibe.

 

MEPHISTOPHELES (Caspar Krieger)

Sie fuhr herum, sie fuhr heraus,

Und soff aus allen Pfützen,

Zernagt‘, zerkratzt, das ganze Haus,

Wollte nichts ihr Wüten nützen;

Sie tät gar manchen Ängstesprung,

Bald hatte das arme Tier genung,

Als hätt es Lieb im Leibe.

 

CHORUS

Als hätt es Lieb im Leibe.

 

MEPHISTOPHELES Caspar Krieger

Sie kam vor Angst am hellen Tag

Der Küche zugelaufen,

Fiel an den Herd und zuckt, und lag,

Und tät erbärmlich schnaufen.

Da lachte die Vergifterin noch:

Ha! sie pfeift auf dem letzten Loch,

Als hätte sie Lieb im Leibe.

 

CHORUS ALLE:

Als hätte sie Lieb im Leibe.

*          *          *

Dialog III

FAUST (Ko Hyunsik)​
Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

 

MEPHISTOPHELES:
( Caspar Krieger)

Ich bin ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Willst du, mit mir vereint,

Deine Schritte durchs Leben nehmen,

So will ich mich gern bequemen,

Dein zu sein, auf der Stelle.

Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,

Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;

Wenn wir uns drüben wiederfinden,

So sollst du mir das gleiche tun.

FAUST Ko Hyunsik​

Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann will ich gern zugrunde gehn!

Dann mag die Totenglocke schallen,

Dann bist du deines Dienstes frei,

Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,

Es sei die Zeit für mich vorbei!

MEPHISTOPHELES Caspar Krieger:

Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

Blut ist ein ganz besondrer Saft.

FAUST Sargis Mzikyan

Wohin soll es nun gehn?

MEPHISTOPHELES:
 Caspar Krieger:

Wohin es dir gefällt.
Wir sehn die kleine, dann die große Welt.

FAUST Sargis Mzikyan

Allein bei meinem langen Bart Fehlt mir die leichte Lebensart.

 

 

*          *          *

 

Nr. 4                                                                                                   Hector Berlioz

GRETCHEN (Annemarie Wolf )
Que l’air est étouffant!
J’ai peur comme une enfant.
C’est mon rêve d’hier qui m’a toute troublée …
En songe je l’ai vu … lui … mon futur amant.
Qu’il était beau!
Dieu! j’étais tant aimée!
Et combien je l’aimais!
Nous verrons-nous jamais
Dans cette vie? …
Folie!

(Es ist so schwül, so dumpfig hie

Und ist doch eben so warm nicht drauß.

Es wird mir so, ich weiß nicht wie-

Ich wollt, die Mutter käm nach Haus.

Mir läuft ein Schauer übern ganzen Leib-

Bin doch ein töricht furchtsam Weib!)

 

FAUST (gesprochen) Sargis Mzikyan

 

Was seh ich? Welch ein Bild

Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!

 

GRETCHEN (Annemarie Wolf )
Autrefois un roi de Thulé,
Qui jusqu’au tombeau fut fidèle,
Reçut, à la mort de sa belle,
Une coupe d’or ciselé.
Comme elle ne le quittait guère,
Dans les festins les plus joyeux,
Toujours une larme légère
A sa vue humectait ses yeux.

 

(Es war ein König in Thule

Gar treu bis an das Grab,

Dem sterbend seine Buhle

Einen goldnen Becher gab.

 

Es ging ihm nichts darüber,

Er leert ihn jeden Schmaus;

Die Augen gingen ihm über,

Sooft er trank daraus.)

 

FAUST (gesprochen) Sargis Mzikyan

Was sucht ihr, mächtig und gelind,

Ihr Himmelstöne, mich am Staube?

Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;

 

GRETCHEN (Annemarie Wolf )
Ce prince, à la fin de sa vie,
Lègue ses villes et son or,
Excepté la coupe chérie
Qu’à la main il conserve encor.
Il fait, à sa table royale,
Asseoir ses barons et ses pairs,
Au milieu de l’antique salle
D’un château que baignaient les mers.

 

(Und als er kam zu sterben,

Zählt er seine Städt im Reich,

Gönnt alles seinem Erben,

Den Becher nicht zugleich.

 

Er saß beim Königsmahle,

Die Ritter um ihn her,

Auf hohem Vätersaale,

Dort auf dem Schloß am Meer.)

 

FAUST (gesprochen) Sargis Mzikyan

Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick

Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!

Ich fühle junges, heil’ges Lebensglück

Neuglühend mir durch Nerv‘ und Adern rinnen.

 

GRETCHEN (Annemarie Wolf )
Le buveur se lève et s’avance
Auprès d’un vieux balcon doré;
Il boit, et soudain sa main lance
Dans les flots le vase sacré!
Le vase tombe: l’eau bouillonne,
Puis se calme aussitôt après.
Le vieillard pâlit et frissonne:
Il ne boira plus désormais.

 

(Dort stand der alte Zecher,

Trank letzte Lebensglut

Und warf den heiligen Becher

Hinunter in die Flut.

 

Er sah ihn stürzen, trinken

Und sinken tief ins Meer,

Die Augen täten ihm sinken,

Trank nie einen Tropfen mehr.)

 

 

FAUST(gesprochen)Sargis Mzikyan

O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!

Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!

 

GRETCHEN (Annemarie Wolf )

Autrefois un roi … de Thulé
Jusqu’au tombeau … fut fidèle …
Ah!

 

 

*          *          *

 

DIALOG IV

FAUST (Sargis Mzikyan)

Das ist ein herrlich schönes Kind

Die hat was in mir angezündt

 

*          *          *

Nr. 5                                                                                                   Charles Gounod

CHŒUR
Ainsi que la brise légère
Soulève en épais tourbillons
La poussière
Des sillons.
Que la valse vous entraîne
Faites retentir la plaine
De l’éclat de vos chansons.

(Leichte Wölkchen sich erheben,
Von des Zephyrs Hauch bewegt,
Und der Staub fliegt leicht erregt,
Wo im Tanz die Paare schweben,
Auf der Freude frohen Schwingen
Weithin hört den Walzer klingen.)

 

*          *          *

 

 

DIALOG V

FAUST Sargis Mzikyan

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,

Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

 

MARGARETE (Alle Frauen)

Bin weder Fräulein, weder schön,

Kann ungeleitet nach Hause gehn.

 

FAUST : Sargis MzikyanSie ist so sitt und tugendreich

Und etwas schnippisch doch zugleich

Wie sie kurz angebunden war

Das ist nun zum Entzücken gar.

 

*          *          *

 


 

Nr. 6                                                                                       Carl Loewe:

FAUST   Sargis Mzikyan
Laß mich knieen, laß mich schauen,

Laß mich sterben, laß mich leben,

Denn schon bin ich hingegeben

Dieser gottgegebnen Frauen.

Harrend auf des Morgens Wonne,

östlich spähend ihren Lauf,

Ging auf einmal mir die Sonne

Wunderbar im Süden auf.

Zog den Blick nach jener Seite,

Statt der Schluchten, statt der Höhn,

Statt der Erd- und Himmelsweite

Sie, die Einzige, zu spähn.

Augenstrahl ist mir verliehen

Wie dem Luchs auf höchstem Baum;

Doch nun mußt‘ ich mich bemühen

Wie aus allertiefstem Traum.

*          *          *

 

Dialog VI

MEPHISTO (Hussein Atfa)

Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt

Und nach und nach wird man verflochten;

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten

Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

Und eh man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.

 

 

*          *          *


 

Nr. 7                                                                                       Robert Schumann

FAUST Annemarie Wolf

Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder,

Gleich als ich in den Garten kam?

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Saht ihr es nicht? Ich schlug die Augen nieder.

 

FAUST Annemarie Wolf

Und du verzeihst die Freiheit, die ich nahm,

Was sich die Frechheit unterfangen,

Als du jüngst aus dem Dom gegangen?

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Ich war bestürzt, mir

war das nie gescheh’n

 

FAUST Annemarie Wolf

Und du verzeihst?

 

GRETCHEN Caspar Krieger

… es konnte niemand von mir Übels sagen.

Ach, dacht‘ ich doch, hat er in deinem Betragen

Was Freches, Unanständiges geseh’n?

Es schien ihn gleich nur anzuwandeln

Mit dieser Dirne grad‘ hin zu handeln.

Gesteh‘ ich’s doch, ich wußte nicht was sich

Zu eurem Vorteil hier zu regen gleich begonnte;

 

FAUST Annemarie Wolf

Süß‘ Liebchen!

 

GRETCHEN Caspar Krieger

allein gewiß, ich war recht bös‘ auf mich,

Daß ich auf euch nicht böser werden konnte.

 

FAUST Annemarie Wolf

Süß‘ Liebchen!

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Laßt einmal!

 

FAUST Annemarie Wolf

Was soll das? Einen Strauß?

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Nein! es soll nur ein Spiel.

 

 

FAUST Annemarie Wolf

Wie!

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Geht, ihr lacht mich aus!

 

FAUST Annemarie Wolf

Was murmelst du?

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Er liebt mich – liebt mich nicht –

er liebt mich – liebt mich nicht – liebt mich –

liebt mich nicht – liebt mich – nicht – er liebt mich!

 

FAUST Annemarie Wolf

Ja, mein Kind! laß dieses Blumenwort

dir Götterausspruch sein! Er liebt dich!

Verstehst du, was das heißt: Er liebt dich, er liebt dich!

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Mich überläuft’s!

 

FAUST Annemarie Wolf

O schaud’re nicht! laß diesen Blick,

Laß diesen Händedruck dir sagen, was unaussprechlich ist:

Sich hinzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen,

Die ewig, ewig, ewig sein muß!

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Es ist wohl Zeit zu scheiden!

 

MARTHE (Ko Hyunsik​)

Ja, es ist spät, mein Herr!

 

FAUST Annemarie Wolf

Darf ich euch nicht geleiten?

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Die Mutter würde mich – lebt wohl!

 

FAUST Annemarie Wolf

Muß ich denn geh’n? Lebt wohl!

 

MARTHE (Ko Hyunsik​)

Ade!

 

GRETCHEN Caspar Krieger

Auf baldiges Wiederseh’n!

 

*          *          *

 

 

DIALOG VII

 

MARGARETE (Caspar Krieger)

Du lieber Gott! was so ein Mann

Nicht alles, alles denken kann!

Beschämt nur steh ich vor ihm da

Und sag zu allen Sachen ja.

Bin doch ein arm unwissend Kind,

Begreife nicht, was er an mir findt.

 

MEPHISTO (Annemarie Wolf)

Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen

Probiert ein jeder, was er mag;

Die unbegreiflich hohen Werke

Sind herrlich wie am ersten Tag.

 

MARGARETE (Natalija Valentin)

Versprich mir, Heinrich!

 

FAUST (Tanja Renz)

Was ich kann!

 

MARGARETE (Natalija Valentin)

Glaubst du an Gott?

 

*          *          *

 

Nr. 8                                                                           Johann Friedrich Reichardt

 

FAUST (Tanja Renz)

Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen:

„Ich glaub ihn!“? Wer empfinden,

Und sich unterwinden   Zu sagen: „Ich glaub ihn nicht!“?

Der Allumfasser, Der Allerhalter,

Faßt und erhält er nicht Dich, mich, sich selbst?

Wölbt sich der Himmel nicht da droben? Liegt die Erde nicht hier unten fest?

Und steigen freundlich blickend Ewige Sterne nicht herauf?

Schau ich nicht Aug in Auge dir, Und drängt nicht alles

Nach Haupt und Herzen dir, Und webt in ewigem Geheimnis

Unsichtbar sichtbar neben dir?

Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,

Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,

Nenn es dann, wie du willst, Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott

Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles;

Name ist Schall und Rauch,

Umnebelnd Himmelsglut.

 

*          *          *


DIALOG VIII

 

MARGARETE (Natalija Valentin)

Es tut mir lange schon weh, Daß ich dich in der Gesellschaft seh.

 

FAUST (Tanja Renz)

Wieso?

 

MARGARETE (Natalija Valentin)

Der Mensch, den du da bei dir hast,

Ist mir in tiefer innrer Seele verhaßt;

Seine Gegenwart bewegt mir das Blut.

Ich bin sonst allen Menschen gut;

Aber wie ich mich sehne, dich zu schauen,

Hab ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen,

Wie er über die Bühne hinkt und auf einmal Russisch singt!

 

 

*          *          *

Nr. 9                                                                                       Modest Mussorksky

MEPHISTOPHELES (ERWAN TACHER)

Жил, был король когда-то.

При нём блоха жила.

Блоха ! Блоха !

Милей родного брата

Она ему была.

Блоха, ха, ха, ха, ха, ха. Блоха.

Ха, ха, ха, ха, ха. Блоха !

 

Зовёт король портного.

— Послушай, ты, чурбан,

Для друга дорогого

Сшей бархатный кафтан !

Блохе кафтан ? Ха, ха, ха, ха, ха, ха.

Блохе ? Ха, ха, ха, ха, ха. Кафтан !

Ха, ха, ха, ха, ха. Ха, ха, ха, ха, ха.

Блохе кафтан?

Чтоб жарко и парко блоха моя жила,

И полная свобода ей при дворе дана.

При дворе хе-хе-хе-хе-хе блохе ха-ха-ха,

Ха-ха-ха-ха-ха-ха блохе.

Король ей сан министра и с ним звезду даёт,

И с нею и другие пошли все блохи в ход а-ха.

И самой Королеве и фрейлинам ея

От блох не стало мочи, не стало и житья ха-ха.

И тронуть-то боятся не то чтобы их бить,

А мы, кто стал кусаться, тотчас давай душить.

Ха-ха-ха-ха-ха ха-ха-ха,

 

 

 

(Es war einmal ein König

Der hatt einen großen Floh,

Den liebt, er gar nicht wenig,

Als wie seinen eignen Sohn.

Da rief er seinen Schneider,

Der Schneider kam heran:

Da, miß dem Junker Kleider

Und miß ihm Hosen an!

 

 

In Sammet und in Seide

War er nun angetan

Hatte Bänder auf dem Kleide,

Hatt auch ein Kreuz daran

Und war sogleich Minister,

Und hatt einen großen Stern.

Da wurden seine Geschwister

Bei Hof auch große Herrn.

Und Herrn und Fraun am Hofe,

Die waren sehr geplagt,

Die Königin und die Zofe

Gestochen und genagt,

Und durften sie nicht knicken,

Und weg sie jucken nicht.

Wir knicken und ersticken

Doch gleich, wenn einer sticht.)

 

 

*          *          *

 

 

Dialog IX

 

MARGARETE (Tanja Renz)

Ich muß nun fort.

 

FAUST (Natalija Valentin)

Ach kann ich nie Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen

Und Brust an Brust und Seel in Seele drängen?

 

MARGARETE (Tanja Renz)

Ach wenn ich nur alleine schlief!

Ich ließ dir gern heut nacht den Riegel offen;

Doch meine Mutter schläft nicht tief,

Und würden wir von ihr betroffen,

Ich wär gleich auf der Stelle tot!

 

FAUST (Natalija Valentin)

Du Engel, das hat keine Not.

Hier ist ein Fläschchen!

Drei Tropfen nur In ihren Trank umhüllen

Mit tiefem Schlaf gefällig die Natur.

 

MARGARETE (Tanja Renz)

Was tu ich nicht um deinetwillen?

Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!

 

FAUST (Natalija Valentin)

Würd ich sonst, Liebchen, dir es raten?

 

MARGARETE (Tanja Renz)

Seh ich dich, bester Mann, nur an,

Weiß nicht, was mich nach deinem Willen treibt,

Ich habe schon so viel für dich getan,

Daß mir zu tun fast nichts mehr übrigbleibt.

 

*          *          *

 

Nr. 10                                                                                                             Richard Wagner

MARGARETE (Tanja Renz)

Meine Ruh ist hin,

Mein Herz ist schwer;

Ich finde sie nimmer

und nimmermehr.

 

Wo ich ihn nicht hab,

Ist mir das Grab,

Die ganze Welt

Ist mir vergällt.

 

Mein armer Kopf

Ist mir verrückt,

Meiner armer Sinn

Ist mir zerstückt.

 

Meine Ruh ist hin,

Mein Herz ist schwer,

Ich finde sie nimmer

und nimmermehr.

 

Nach ihm nur schau ich

Zum Fenster hinaus,

Nach ihm nur geh ich

Aus dem Haus.

 

 

MARGARETE (Tanja Renz)

Sein hoher Gang,

Sein edle Gestalt,

Seines Mundes Lächeln,

Seiner Augen Gewalt,

 

Und seiner Rede

Zauberfluß,

Sein Händedruck,

Und ach! sein Kuß!

 

Meine Ruh ist hin,

Mein Herz ist schwer,

Ich finde sie nimmer

und nimmermehr.

 

Mein Busen drängt

Sich nach ihm hin,

Ach dürft ich fassen

Und halten ihn,

 

Und küssen ihn,

So wie ich wollt,

An seinen Küssen

Vergehen sollt!

*          *          *

Dialog X

VALENTIN (Hussein Atfa)

Alles nach seiner Art!

Aber ist eine im ganzen Land,

Die meiner trauten Gretel gleicht,

Die meiner Schwester das Wasser reicht?“

 

*          *          *

Nr. 11                                                                                                             Charles Gounod

VALENTIN (Hussein Atfa)

Avant de quitter ces lieux, Sol natal de mes aïeux
A toi, seigneur et Roi des cieux Ma sœur je confie,
Daigne de tout danger Toujours, toujours la protéger
Cette sœur si cherie! Délivré d’une triste pensée

J’irai chercher la gloire, la gloire au seins des ennemis,
Le premier, le plus brave au fort de la mêlée,
J’irai combattre pour mon pays. Et si vers lui, Dieu me rappelle,
Je veillerai sur toi fidèle, O Marguerite! Avant de quitter ces lieux etc.

 

 

(Da ich nun verlassen soll

Mein geliebtes Heimatland,

Sei, Herr des Himmels, inbrunstvoll

Mein Flehen zu dir gewandt.

Schütze die Schwester mir,

Herrgott, so bete ich zu dir,

Schütz, o Gott die teure Schwester mir

.

Gram und Sorgen, sie mögen entfliehen,

Voll Mut will ich dem Feinde

entgegenziehn!

Wo die Schlacht wild und heiß, wo

furchtbar die Gefahr,

Biet ich dem Feinde mutvoll mich dar.

Und ruft mich Gott zu Himmelshöhen,

Will schützend ich auf dich herniedersehn

,

O Margarethe!

Da ich nun verlassen soll, usw.)
*          *          *

Dialog XI

 

ALLE:   Es stinkt!

 

Anna Maria Wünsche:

Sie füttert zwei, wenn sie nun ißt und trinkt.

 

Sargis Mzikyan

So ist’s ihr endlich recht ergangen.

 

Annemarie Wolf:

Wie lange hat sie an dem Kerl gehangen!

Bildt sich was auf ihre Schönheit ein,

 

Caspar Krieger

War doch so ehrlos, sich nicht zu schämen,

Geschenke von ihm anzunehmen.

 

Natalija Valentin

War ein Gekos und ein Geschleck;

Da ist denn auch das Blümchen weg!

 

Ko Hyunsik​jpg:

Er nimmt sie gewiß zu seiner Frau.

 

Anna Maria Wünsche:

Er wär ein Narr!

 

 

Erwan Tacher:

Ein flinker Jung

Hat anderwärts noch Luft genung.

 

Natalija Valentin

Er ist auch fort.

 

Ko Hyunsik​jpg:

Das ist nicht schön!

 

Sargis Mzikyan

Kriegt sie ihn, soll’s ihr übel gehn,

 

Annemarie Wolf:

Das Kränzel reißen die Buben ihr,

Und Häckerling streuen wir vor die Tür!

 

ALLE:

Es stinkt!

VALENTIN (Hussein Atfa)
Um’s Haar sich auszuraufen

Und an den Wänden hinaufzulaufen!-

Mit Stichelreden, Naserümpfen

Soll jeder Schurke mich beschimpfen!

Und möcht ich sie zusammenschmeißen

Könnt ich sie doch nicht Lügner heißen.

 

Was kommt heran? Was schleicht herbei?

Irr ich nicht, es sind ihrer zwei.

Ist er’s, gleich pack ich ihn beim Felle

Soll nicht lebendig von der Stelle!

 

*          *          *

Nr. 12                                                                                                             Julius Röntgen

MEPHISTO (Hyunsik Ko)

Was machst du mir

Vor Liebchens Tür,

Kathrinchen, hier

Bei frühem Tagesblicke?

Laß, laß es sein!

Er läßt dich ein

Als Mädchen ein,

Als Mädchen nicht zurücke.

 

MEPHISTO (Hyunsik Ko)

Nehmt euch in acht!

Ist es vollbracht,

Dann gute Nacht‘

Ihr armen, armen Dinger!

Habt ihr euch lieb,

Tut keinem Dieb

Nur nichts zulieb

Als mit dem Ring am Finger.

*          *          *

Dialog XII

VALENTIN (tritt vor): Hussein Atfa

Wen lockst du hier? beim Element!

Vermaledeiter Rattenfänger!

Zum Teufel erst das Instrument!

Zum Teufel hinterdrein den Sänger!

*          *          *

Nr. 13                                                                                                 Charles Gounod

ALLE

Gloire immortelle De nos aïeux,
Sois-nous fidèle, Mourons comme eux!
Et sous ton aille,Soldats vainqueurs,
Dirige nos pas, enflamme nos cœurs!

(Ja, nach dem Kampf ist es ein Segen,

Ruhe von Gefahr am friedlich stillen Herd;

Manches Herz wird laut sich regen,

Wenn man von unsern Thaten hört!

Hoch Ruhm und Ehre! Gebt Alles d’rum!

Niemand mir wehre Ehr‘ und Ruhm!)

 

*          *          *

Dialog XIII

MEPHISTOPHELES (Ko Hyunsik​jpg)

Nun ist der Lümmel zahm! Nun aber fort! Wir müssen gleich verschwinden

Denn schon entsteht ein mörderlich Geschrei.

Ich weiß mich trefflich mit der Polizei,

Doch mit dem Blutbann schlecht mich abzufinden.

 

GRETCHEN (Natalija Valentin)

Wer liegt hier?

 

VALENTIN: Hussein Atfa

Deiner Mutter Sohn.

 

GRETCHEN (Natalija Valentin)

Allmächtiger! welche Not!

 

VALENTIN (Hussein Atfa)
Ich sterbe! das ist bald gesagt

Und balder noch getan.

Mein Gretchen,

Ich sag dir’s im Vertrauen nur:

Du bist doch nun einmal eine Hur,

 

GRETCHEN (Natalija Valentin)

Mein Bruder! Gott! Was soll mir das?

 

VALENTIN (Hussein Atfa)
Laß unsern Herrgott aus dem Spaß!

Wenn erst die Schande wird geboren,

Wird sie heimlich zur Welt gebracht,

Und man zieht den Schleier der Nacht

Ihr über Kopf und Ohren;

Ja, man möchte sie gern ermorden.

Und, wenn dir dann auch Gott verzeiht,

Auf Erden sein vermaledeit!

 

GRETCHEN (Natalija Valentin)

Mein Bruder! Welche Höllenpein!

 

VALENTIN (Hussein Atfa)
Ich sage, laß die Tränen sein!

Da du dich sprachst der Ehre los,

Gabst mir den schwersten Herzensstoß.

Ich gehe durch den Todesschlaf

Zu Gott ein als Soldat und brav.

*          *          *

 

Nr. 14                                                                                                             Hans Pfitzner

GRETCHEN (Natalija Valentin)

Ach neige, Du Schmerzenreiche,

Dein Antlitz gnädig meiner Not!

 

Das Schwert im Herzen, Mit tausend Schmerzen

Blickst auf zu deines Sohnes Tod.

 

Zum Vater blickst du, Und Seufzer schickst du

Hinauf um sein‘ und deine Not.

 

Wer fühlet, Wie wühlet

Der Schmerz mir im Gebein?

Was mein armes Herz hier banget,

Was es zittert, was verlanget,

Weißt nur du, nur du allein!

 

 

GRETCHEN (Natalija Valentin)

Wohin ich immer gehe

Wie weh, wie weh, wie wehe

Wird mir im Busen hier!

Ich bin, ach! kaum alleine,

Ich wein, ich wein, ich weine,

Das Herz zerbricht in mir.

 

Die Scherben vor meinem Fenster Betaut ich mit Tränen, ach!

Als ich am frühen Morgen Dir diese Blumen brach.

 

Schien hell in meine Kammer Die Sonne früh herauf,

Saß ich in allem Jammer In meinem Bett schon auf.

 

Hilf! rette mich von Schmach und Tod!

Ach neige, Du Schmerzenreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not!

 

*          *          *

Dialog XIV

FAUST (Erwan Tacher)

Einst hatt ich einen schönen Traum

Da sah ich einen Apfelbaum,

Zwei schöne Äpfel glänzten dran,

Sie reizten mich, ich stieg hinan.

 

MEPHISTOPHELES (Annemarie Wolf)

Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,

Und schon vom Paradiese her.

Von Freuden fühl ich mich bewegt,

Daß auch mein Garten solche trägt.

 

FAUST (Erwan Tacher)

Einst hatt ich einen wüsten Traum

Da sah ich einen gespaltnen Baum,

Der hatt ein ungeheures Loch;

So groß es war, gefiel mir’s doch.

 

MEPHISTOPHELES (Annemarie Wolf)

Ich biete meinen besten Gruß

Dem Ritter mit dem Pferdefuß!

Halt Er einen rechten Pfropf bereit,

Wenn Er das große Loch nicht scheut.

 

 

*          *          *

Nr. 15                                                                                                 Franz Schubert

MEPHISTOPHELES (Annemarie Wolf)

Wie anders, Gretchen, war dir’s, Als du noch voll Unschuld

Hier zum Altar tratst Aus dem vergriffnen Büchelchen

Gebete lalltest,Halb Kinderspiele,Halb Gott im Herzen!

Gretchen! Wo steht dein Kopf? In deinem Herzen

Welche Missetat? Betst du für deiner Mutter Seele, die

Durch dich zur langen, langen Pein hinüberschlief?

Auf deiner Schwelle wessen Blut? – Und unter deinem Herzen

Regt sich’s nicht quillend schonUnd ängstet dich und sich

Mit ahnungsvoller Gegenwart?

 

GRETCHEN (Ko Hyunsik​)

Weh! Weh! Wär ich der Gedanken los,

Die mir herüber und hinüber gehen Wider mich!

 

CHOR:

Dies irae, dies illa

Solvet saeclum in favilla.

 

MEPHISTOPHELES (Annemarie Wolf)

Grimm faßt dich!

Die Posaune tönt!

Die Gräber beben!

Und dein Herz,

Aus Aschenruh

Zu Flammenqualen

Wieder aufgeschaffen,

Bebt auf!

 

GRETCHEN (Ko Hyunsik​)

Wär ich hier weg!

Mir ist, als ob die Orgel mir

Den Atem versetzte,

Gesang mein Herz

Im Tiefsten löste.

 

CHOR:

Judex ergo cum sedebit,

Quidquid latet adparebit,

Nil inultum remanebit.

 

GRETCHEN (Ko Hyunsik​)

Mir wird so eng! Die Mauernpfeiler

Befangen mich!

Das Gewölbe Drängt mich!- Luft!

 

MEPHISTOPHELES (Annemarie Wolf)

Verbirg dich! Sünd und Schande

Bleibt nicht verborgen.

Luft? Licht? Weh dir!

 

CHOR:

Quid sum miser tunc dicturus?

Quem patronum rogaturus?

Cum vix justus sit securus.

 

MEPHISTOPHELES (Annemarie Wolf)

Ihr Antlitz wenden

Verklärte von dir ab.

Die Hände dir zu reichen,

Schauert’s den Reinen.

Weh!

 

CHOR:

Quid sum miser tunc dicturus?

 

*          *          *

Dialog XV

FAUST (Anna Maria Wünsche)

Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen!

Als Missetäterin im Kerker zu entsetzlichen Qualen eingesperrt,

das holde unselige Geschöpf!

Bis dahin! Dahin! – Verräterischer, nichtswürdiger Geist,

und das hast du mir verheimlicht!

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Sie ist die erste nicht.

 

FAUST (Anna Maria Wünsche)

„Die erste nicht!“ – Jammer! Jammer!

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Drangen wir uns dir auf oder du dich uns?

 

FAUST (Anna Maria Wünsche)

Rette sie! Oder weh dir!

Den grässlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Und die Gefahr, der du dich aussetzest?

Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld von deiner Hand.

 

FAUST (Anna Maria Wünsche)

Noch das von dir?

Mord und Tod einer Welt über dich Ungeheuer!

Führe mich hin, sag ich, und befrei sie!

 

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Über des Erschlagenen Stätte schweben rächende Geister

und lauern auf den wiederkehrenden Mörder.

 

FAUST (Anna Maria Wünsche)

Was weben die dort um den Rabenstein?

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Weiß nicht, was sie kochen und schaffen.

 

FAUST (Anna Maria Wünsche)

Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Eine Hexenzunft.

 

FAUST (Anna Maria Wünsche)

Sie streuen und weihen.

 

MEPHISTOPHELES (Tanja Renz)

Vorbei! Vorbei!

 

FAUST (Caspar Krieger)

Fürwahr, es sind die Augen einer Toten, Die eine liebende Hand nicht schloß.

Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten, Das ist der süße Leib, den ich genoß.

Wie sonderbar muß diesen schönen Hals

Ein einzig rotes Schnürchen schmücken, Nicht breiter als ein Messerrücken!

 

MARGARETE (Anna Maria Wünsche)

Wer hat dir Henker diese Macht Über mich gegeben!

Du holst mich schon um Mitternacht.

Erbarme dich und laß mich leben!

 

FAUST (Caspar Krieger)

Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen,

So wag ich’s, dich hinwegzutragen.

 

MARGARETE (Anna Maria Wünsche)

Laß mich! Nein, ich leide keine Gewalt!

Fasse mich nicht so mörderisch an!

Sonst hab ich dir ja alles zulieb getan.

 

 

 

*          *          *


 

Nr. 16                                                                                                             Paul Dessau

MARGARETE (Anna Maria Wünsche)

Meine Mutter, die Hur

Die mich umgebracht hat!

Mein Vater, der Schelm

Der mich gessen hat!

Mein Schwesterlein klein

Hub auf die Bein

An einem kühlen Ort;

Da ward ich ein schönes Waldvögelein;

Fliege fort, fliege fort!

*          *          *

Dialog XVI

MARGARETE (Anna Maria Wünsche)

 

Meine Mutter hab ich umgebracht,

Mein Kind hab ich ertränkt.

War es nicht dir und mir geschenkt?

 

FAUST (Caspar Krieger)

Laß das Vergangne vergangen sein,

Du bringst mich um.

 

MARGARETE (Anna Maria Wünsche)

Küsse mich!

Sonst küß ich dich!

O weh! deine Lippen sind kalt,

Sind stumm.

Wo ist dein Lieben

Geblieben?

Wer brachte mich drum?

Heinrich! Mir graut’s vor dir.

 

*          *          *

 


 

Nr. 17                                                                                                 Robert Schumann  

MANGEL ( Tanja Renz)

Ihr, graue Geschwister, entfernt euch von hier!

 

SCHULD (Annemarie Wolf)

Ganz nah zur Seite verbind’ ich mich dir.

 

NOT (Natalija Valentin)

Ganz nah an der Ferse begleitet die Not.

 

ZU DREI

Es ziehen die Wolken, es schwinden die Sterne!

Dahinten, dahinten, von ferne, von ferne,

da kommt er der Bruder, da kommt er der …Tod.

 

FAUST (Erwan Tacher)

Vier sah ich kommen, drei nur gehen;

Den Sinn der Rede konnt ich nicht verstehn.

Es klang so nach, als hieß es – Not,

Ein düstres Reimwort folgte – Tod.

 

*          *          *

 

FAUST (Caspar Krieger)

Ist jemand hier?

 

SORGE (Natalia Valentin)

Die Frage fordert Ja!

 

FAUST (Caspar Krieger)

Und du, wer bist denn du?

 

SORGE (Natalia Valentin)

Bin einmal da.

 

FAUST (Caspar Krieger)

Entferne dich!

 

SORGE (Natalia Valentin)

Ich bin am rechten Ort.

 

FAUST (Caspar Krieger)

Nimm dich in acht und sprich kein Zauberwort!

 

SORGE (Natalia Valentin)

Würde mich kein Ohr vernehmen,

Müßt es doch im Herzen dröhnen;

In verwandelter Gestalt

Üb ich grimmige Gewalt:

SORGE (Natalia Valentin)

Auf den Pfaden, auf der Welle,

Ewig ängstlicher Geselle,

Stets gefunden, nie gesucht, So geschmeichelt wie verflucht! –

Hast du die Sorge nie gekannt?

 

FAUST (Caspar Krieger)

Unselige Gespenster! so behandelt ihr

Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen;

Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr

In garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen.

Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los,

Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen;

Doch deine Macht, o Sorge, schleichend-groß,

Ich werde sie nicht anerkennen!

 

SORGE (Natalia Valentin)

Erfahre sie, wie ich geschwind

Mich mit Verwünschung von dir wende!

Die Menschen sind im ganzen Leben blind:

Nun, Fauste, werde dus am Ende! Sie haucht ihn an.

 

MEPHISTOPHELES (Erwan Tacher)

Herbei, herbei! Herein, herein!

Ihr schlotternden Lemuren,

Aus Bändern, Sehnen und Gebein

Geflickte Halbnaturen.

 

LEMUREN

Wir treten dir sogleich zur Hand,

Und wie wir halb vernommen,

Es gilt wohl gar ein weites Land,

Das sollen wir bekommen.

Gespitzte Pfähle, die sind da,

Die Kette lang zum Messen;

Warum an uns den Ruf geschah,

Das haben wir vergessen.

 

MEPHISTOPHELES (Erwan Tacher)

Hier gilt kein künstlerisch’ Bemühn;

Verfahret nur nach eignen Maßen!

Der Längste lege längelang sich hin,

Ihr andern lüftet ringsumher den Rasen;

Wie man’s für unsre Väter tat,

Vertieft ein längliches Quadrat!

Aus dem Palast ins enge Haus,

So dumm läuft es am Ende doch hinaus.

 

 

 

LEMUREN

Wie jung ich war und lebt‘ und liebt‘,

Mich deucht, das war wohl süße;

Wo’s fröhlich klang und lustig ging,

Da rührten sich meine Füße.

Nun hat das tückische Alter mich

Mit seiner Krücke getroffen;

Ich stolpert‘ über Grabes Tür,

Warum stand sie just offen!

 

FAUST (Hussein Atfa)

Wie das Geklirr der Spaten mich ergötzt! Es ist die Menge, die mir frönet,

Die Erde mit sich selbst versöhnet, Den Wellen ihre Grenze setzt,

Das Meer mit strengem Band umzieht.

 

MEPHISTOPHELES (Erwan Tacher)

Du bist doch nur für uns bemüht Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;

Denn du bereitest schon Neptunen, Dem Wasserteufel, großen Schmaus.

In jeder Art seid ihr verloren; – Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.

 

FAUST (Hussein Atfa)

Aufseher!

 

MEPHISTOPHELES (Erwan Tacher)

Hier!

 

FAUST (Hussein Atfa)

Wie es auch möglich sei, Arbeiter schaffe Meng‘ auf Menge,

Ermuntere durch Genuß und Strenge, Bezahle, locke, presse bei!

Mit jedem Tage will ich Nachricht haben,

Wie sich verlängt der unternommene Graben.

 

MEPHISTOPHELES (Erwan Tacher)

Man spricht, wie man mir Nachricht gab, Von keinem Graben, doch vom Grab.

 

FAUST (Ko Hyunsik​)

Das ist der Weisheit letzter Schluß:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

Und so verbringt, umrungen von Gefahr,

Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.

Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehn,

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.

Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:

 

ALLE

Verweile doch, du bist so schön!

 

 

FAUST (Ko Hyunsik​)

Es kann die Spur von meinen Erdetagen

Nicht in Äonen untergehn. –

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück

Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

 

MEPHISTOPHELES (Erwan Tacher)

Ihn sättigt keine Lust, ihm g’nügt kein Glück,

So buhlt er fort nach wechselnden Gestalten;

Den letzten, schlechten, leeren Augenblick,

Der Arme wünscht ihn festzuhalten.

Der mir so kräftig widerstand,

Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.

Die Uhr steht still —

 

Chor

Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht. Der Zeiger fällt.

.

MEPHISTOPHELES (Erwan Tacher)

Er fällt, es ist vollbracht.

 

Chor

Es ist vorbei

Nr. 17 / 2                                                                                Gustav Mahler

GRETCHEN (Anna Maria Wünsche)

Neige, neige, Du Ohnegleiche,

Du Strahlenreiche,

Dein Antlitz gnädig meinem Glück!

Der früh Geliebte,

Nicht mehr Getrübte,

Er kommt zurück.

 

MATER GLORIOSA (Natalia Valentin)

Komm! hebe dich zu höhern Sphären!

Wenn er dich ahnet, folgt er nach.

 

FAUST (Sargis Mzikyan)

Blicket auf zum Retterblick,

Alle reuig Zarten,

Euch zu seligem Geschick

Dankend umzuarten.

Werde jeder beßre Sinn

Dir zum Dienst erbötig;

Jungfrau, Mutter, Königin,

Göttin, bleibe gnädig!

 

CHORUS MYSTICUS

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis…

Das Unzulängliche hier wird’s Ereignis,

Das Unbeschreibliche hier wird es getan…

Nr. 17 / 3                                                                                            Franz Liszt

Das Ewigweibliche zieht uns hinan

ENDE

 

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