„Das wird gut, glaub’ ich“

Artikel von Peter Intelmann in den

Lübecker Nachrichten vom 09. 01. 2018

Was wird aus jemandem, der mit 14 Wagnerianer ist? Regisseur vielleicht. Einer, der die Oper auch im frühen 21. Jahrhundert für zeitgemäß hält, „absolut“. Jürgen Weber war mit 14 Wagnerianer, Regisseur ist er auch geworden. Und seit 2017 lehrt er an der Musikhochschule Lübeck.

Mit der Cola in der Hand: Regisseur und Musiktheater-Dozent Jürgen Weber (54) im Großen Saal der Musikhochschule Lübeck.

Lübeck. Wobei er dort eigentlich zwei Dinge tut: Zum einen ist er Dozent in Sachen Musiktheater, zum anderen arbeitet er mit Studenten an einem „Faust“-Projekt. Übermorgen hat es in Bad Oldesloe Premiere, Ende Januar ist es auch in Lübeck zu sehen.

Das Konzept für den „Faust“ hatte er vor Jahren für Ulrich Wildgruber geschrieben, den großen Hamburger Schauspieler, der sich 1999 das Leben nahm. Das Stück hat es nie auf die Bühne geschafft.

Aber als aus Lübeck die Frage nach Material für ein Projekt kam, hat er den Stoff geschickt. Der gefiel, man sagte: „Super, mach’ das“, seither macht er das. Und im Oktober kam noch die Dozentur hinzu.

Webers „Faust“ ist ein „musikalisches Traumspiel“. Der alte Magister blickt zurück auf sein Leben, seinen Pakt, seine Schuld. Es gibt Musik von Berlioz und Mahler, von Verdi und Wagner, und die neun Gesangsstudenten übernehmen abwechselnd die Rollen des Alten, von Gretchen und Mephisto.

Weber kennt ihre Situation. Er hat selbst in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater studiert. In den 80er Jahren war das, Musiktheater-Regie bei Götz Friedrich. Und danach hat er eine Menge von dem abgedeckt, was der Kreativbereich so bereithält.

Er hat Opern inszeniert und Drehbücher geschrieben. Er hat in Berlin an der Universität der Künste unterrichtet, war Regisseur bei Fernseh-Seifenopern wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und bei „Löwenzahn“ im Kinderkanal. Er hat Arte-Dokumentationen und Arztserien gedreht. Er hat eine „Zombie“-Oper für 2020 in Arbeit und für seinen ersten Spielfilm „Open Wound“ eine Menge Preise bekommen.

Beim zweiten spielt er selbst die Hauptrolle, und Ende dieses Jahres soll in Bonn „Marx in London“ Premiere haben. „Eine komische Oper über Karl Marx“, sagt er. „Das wird gut, glaub’ ich.“

(…)

„Zombie“-Oper also, Schlingensief, „OP ruft Dr. Bruckner“ – Jürgen Weber hält nicht viel von gängigen Mustern. Da fliegen eine Menge Dinge um ihn herum, die andere nur schwer zusammenbinden können.

Er selbst aber kann das sehr wohl. Und zur Not hält er einer Opernsängerin auch mal einen kleinen, eindringlichen Privatvortrag über Jackie Chan. Also über den großen Jackie Chan, der zahllose Actionfilme gedreht hat, der die Renten seiner Stuntleute bezahlt und als jemand mit Pekingopern Ausbildung bei der Eröffnungsfeier von Olympia 2008 vor einer Milliarde Menschen gesungen hat.

Das klingt anstrengend und ist es wohl auch. „Natürlich überfordere ich mich oft“, sagt er. „Aber das ist ja das Wesen von Kunst. So wie Beethoven bei der 9. Sinfonie Sachen für Fagott geschrieben hat, die gar nicht spielbar sind. So was finde ich cool. Dann muss man halt üben, üben, üben. Oder ein neues Fagott bauen.“

(…)

Belehren? Nein, darum geht es ihm nicht. „Ich will keine Botschaften verbreiten“, sagt er. Er nehme die Oper ernst, die Musik und das Libretto. Wenn bei Verdis „Aida“ Ägypten nicht mehr kenntlich werde, laufe etwas falsch. Unterhaltung sei ein wichtiges Element, keine Frage. Aber das heiße nicht Eskapismus, heiße nicht Flucht. „Es geht darum, dass man die Leute bei der Stange hält“, sagt er.

Es gibt viel zu tun.

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2 Gedanken zu “„Das wird gut, glaub’ ich“

  1. Wir waren am 13.1.18 Zuschauer des Faust-Projektes.Ein schöner Abend!
    Als Liebhabern des Goethe’schen Faustes gefiel uns der Einbezug des sonst immer verdrängten zweiten Teiles besonders gut. Das dort dargestellte Ende macht den Faust erst zu dem wirklich aktuellen Zeitendrama!
    „Gut“ oder „Böse“, Moral-Unmoral – : Egal! Vergangenheitsgebunden! Es kommt darauf an, ob du dich entwickelst, ob du einen Fortschritt im Streben machst. Das ist wichtiger als alle „Sünde“.
    Neugierig möchte man den Verfasser fragen, warum er die Auswahl aus den über 9000 Versen des Faust gerade so gewählt hat. Lag es an der Verfügbarkeit der entsprechenden Gesangsliteratur oder war es ein originärer Kunstgriff im besten Sinne?
    Jedenfalls hat es als Kunst gewirkt.
    Die Aufführung, Regie und der fabelhafte begeisternde Einsatz der Darsteller taten ein Übriges, um den Abend zu einem gelungenen zu machen.
    Die Instrumentierung (Saxophone) war entschieden ein guter Griff für die Fülle der verschiedenen Musikvorlagen und passte gut zur Regie; nur der Synthesizerklang ermüdete das Ohr dann irgendwann.
    Ein rundum gelungenes Projekt! Vielen Dank!
    Barbara & Georg Lunau , Hamburg

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